An meiner Bastelschere hing ein kleiner Aufnäher: “Dittmann”. Der sollte gewährleisten, dass die Schere immer wieder ihren Weg zurück in meine Federmappe finden würde, sollte ich sie einmal verleihen. Heute war so ein Tag.
Unsere Klasse hatte ein eigenes Aquarium. Dieses Projekt war entweder das Zugeständnis oder sogar die Idee unseres Klassenlehrers. Ohne es zu merken, konnten wir Selbstständigkeit lernen und Verantwortung für etwas übernehmen. Dazu gehörte das regelmäßige Reinigen des Wassers. Und auch die kurzfristige Umsiedlung der Fische in ein Waschbecken, als ein raufender Ellenbogen ein Loch in die Scheibe geschlagen hatte.
Nun kommt es ja in den besten Aquarien vor, dass die Fische mal oben schwimmen. Auch bei guter Pflege – und die ließen wir ihnen nicht eben angedeihen – halten sie nicht ewig. Tote Fische waren für uns jedesmal ein kleines Drama. Ein großes Drama war, als eine schwangere Fischin Anstalten machte, von uns zu gehen. Die armen Babyfische. Wir hofften bis zuletzt, dass die Mutter noch bis zur Geburt der bestimmt 10 oder 15 Kinder durchhalten würde. Umsonst. Sie zeigte alle Symptome die wir von den früheren Todeskandadidaten kannten. Ihr Tod stand unmittelbar bevor. Und dann hatte einer die rettende Idee: Kaiserschnitt.
Jetzt kam meine Bastelschere ins Spiel. Keine Ahnung warum sonst niemand seine Schere geben wollte, ist auch egal. Schnipp schnapp. Ein Fisch war tot, die anderen schlüpften aus ihren Eiern. Weniger als eine Hand voll lebte einen Tag später noch. Nach zwei Tagen war keiner mehr lebendig. Aber wir hatten es immerhin versucht.
An der Operation hatte ich nicht persöhnlich mitgewirkt, aber meine Schere. Und jedesmal, wenn ich sie wieder verlieh, sagte ich stolz, dass sie bereits bei einem Kaiserschnitt zum Einsatz gekommen wäre.
(erstmals veröffentlicht 20060916)
