Wir waren Monster. Oder Haie.

In der siebten Klasse hatten wir eine wirklich kleine Biolehrerin. Ich und andere waren bereits größer als sie. Um sich durchzusetzen, verteilte sie ohne zu zögern Rügen und Tadel. Dafür musste man sich bei andern Lehrern schon einiges leisten. Auch ging sie schonmal in den hinteren Raum, um dort heimlich zu weinen. Was wir bemerkten.

Einmal hatte sie auch einen Schüler “geschlagen”. Aber das war vor unserer Zeit und wir wußten es nicht. Es war jetzt ihre zweite Chance und wir würden sie ihr vermasseln.

Was uns außer den unverhältnismäßigen Strafen an ihr mißfiel, war diese Art von Unterricht. Anschreiben, Abschreiben, Anschreiben, Abschreiben. Schön dagegen waren ihre regelmäßigen Verspätungen. Jeden Tag mindestens 5, an guten Tagen 15 Minuten. Wir konnten umso länger vorher Fussball spielen und wußten, dass wir wahrscheinlich noch vor ihr in der Klasse sein würden. Wegen ihrem Freund. Und dem Stau auf der Autobahn. Einmal kam sie die ganze Stunde nicht, wir spielten mit Feuer, warfen brennende Papiere aus dem Fenster, eine Etage tiefer lag ein Stapel Notenpapiere, es gab wieder Rügen und Tadel. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diese Geschichte geht um Haie. Frau N zeigte uns einen Film über Haie – einen wissenschaftlichen schon – aber wie geil war das! Ab jetzt immer Filme über Haie, forderten wir. Und wir bekamen unsern Willen. Es gibt erstaunlich viele Haifischfilme in den einschlägigen Schulfilmverleihen, aber für das ganze Halbjahr reichten sie nicht. Frau N versuchte uns für Filme mit Schlangen und anderen Langweilern der Tierwelt bei der Stange zu halten, doch vergeblich.

Bei unserem Klassenlehrer beschwerten wir uns, dass Frau N immer nur Filme zeigte und keinen Unterricht machte. Der reife Klassenlehrer nahm sich die junge Kollegin vor und das Gespräch zeigte Wirkung. Und dann war da wieder dieses Anschreiben, Abschreiben, Anschreiben, Abschreiben. Wir baten Frau N uns dann eben doch wieder Flme zu zeigen. Aber jetzt wollte sie nicht mehr.

Unser nächster Schachzug war es, ihre Verspätungsstatistik zu verröffentlichen. Aus der Nummer sollte sie nicht mehr rauskommen. Kurz darauf zog ich weg, doch wie ich erfuhr wurde Frau N – auf Wusch der Eltern – von der Schule versetzt.

Entschuldigung.

(erstmals veröffentlicht 20060326)

Was gibt's?